Der Wein des Vergessens

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Robert Streibel und Bernhard Herrmann: Der Wein des VergessensAutoren: Robert Streibel und Bernhard Herrman
Format: Taschenbuch, E-Book
Seitenzahl: 256 Seiten
Verlag: Residenz
Auflage: 1 (August 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3701716968

Altersempfehlung: Ab 14 Jahre, Erwachsene

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Klappentext:

Ein dokumentarischer Roman, wie man ihn sich brisanter und spektakulärer nicht ausdenken könnte. 1938 befindet sich die Riede Sandgrube, eines der berühmtesten Weingüter der Wachau, im Besitz des jüdischen Geschäftsmanns Paul Robitschek, sein Partner ist August Rieger. Robitschek und der angebliche Baron sind Geschäftsfreunde und zugleich ein glamouröses Liebespaar.

Die Denunziationen erleichtern die Arisierung jenes Besitzes, der zur Grundlage der berühmten Winzergenossenschaft Krems wird – ein Begriff für Wein & Kultur weit über die nationalen Grenzen hinaus. Diese Arisierung ist bis heute noch nie Thema der Forschung gewesen.

Die Autoren konnten einen Schatz an Dokumenten sicherstellen, mit dem sie eine unglaubliche Geschichte von Verrat und Treue, Liebe und Geschäft, Vernichtung und Verdrängung erzählen.

Über den Autor Robert Streibel:

Robert Streibel (Autor)Robert Streibel, geboren am 27.1.1959 in Krems a.d. Donau, ist österreichischer Historiker, Autor und Lyriker.

Er studierte in Wien Geschichte, Germanistik, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte und promovierte bei Erika Weinzierl am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Beruflich ist er seit 1987 im Erwachsenen- und Weiterbildungsbereich beim „Verband Wiener Volksbildung“ für Öffentlichkeitsarbeit tätig. Seit 1999 ist er auch Direktor einer Volkshochschule in Wien Hietzing.

Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen von ihm aus historischen Forschungsprojekten zum Nationalsozialismus, zum Judentum und Exil, mit den Schwerpunkten Niederösterreich und seiner Geburtsstadt Krems an der Donau.

Außerdem publizierte er in Literaturzeitschriften, einen Gedichtband und Filme. Er ist freier Mitarbeiter der Wochenzeitung Die Furche (Literaturkritik) und der Tageszeitung Die Presse.

Über den Autor Bernhard Herrman:

Bernhard Herrman (Autor)Historiker, Germanist, langjähriger Mitarbeiter von Ö1 und Autor von Radio-Features zu Literatur, bildender Kunst und Musik.

Herrman lebt in Wien und stammt aus der Familie von Albert Herzog, dem Verwalter der Sandgrube und Geliebten von August Rieger. Ihm ist die Auffindung und Aufarbeitung der gesamten Korrespondenz sowie der Gerichtsakten rund um die Arisierung der Riede Sandgrube zu verdanken.

 

 

 

 

Leseprobe aus dem Roman „Der Wein des Vergessens“:

VOR DEM ABGRUND

»Jeder Mensch hat eine Lebensberechtigung, ob er weiß, gelb oder schwarz ist. Es darf sich daher keiner überheben, keiner besser dünken und sich mehr einbilden.

Nicht nach den Parolen Hitlers. Ich war nie ein Freund der Politik, diesmal habe ich mich hinreißen lassen, meine Meinung zu äußern.«

(Paul Josef Robuschek, Tagebuch)

 Robert Streibel und Bernhard Herrmann: Der Wein des VergessensDas Wetter für die Praterausfahrt 1937 ist ideal. Wolkig bei 23 Grad. Gewitter werden Wien erst in der Nacht erreichen, Westwind weht, ein gutes Zeichen.

Der Sommer am Meer, in Bad Gastein und Aussee war schön gewesen, und auch mit dem Fiaker in den Prater zu fahren, ist immer schön. Aber am ersten Sonntag im September, wenn die Herbstmesse eröffnet wird, ist es am schönsten.

Gustl und Robi werden auf alle Fälle die Lebensmittelabteilung und die Erfindermesse in der Rotunde besuchen. Heute fahren sie nur zu zweit von der Praterstraße 46 los, und sie sind schweigsamer als sonst. Erzsi Farkas ist zwar gerade zu Besuch aus Budapest in Wien, hat aber keine Zeit mitzukommen. Verwandtenbesuche. Ebenso wenig Pauls Mutter.

Als sie in den Fiaker einsteigen und losfahren, weiß Paul nicht, ob er Gustl von dem Vorfall erzählen soll, der ihn mehr als nur erschreckt hat. Seit einigen Tagen fühlt er sich beobachtet und irgendwie verfolgt. Seit Donnerstag hat er dieses ungute Gefühl.

Da ist ihm was Seltsames vor der Kellerei in der Heiligenstädterstraße widerfahren. Ein junger Bursch, dem er zuvor noch nie begegnet ist, ist gradewegs auf ihn zugegangen. Als er auf der gleichen Höhe mit Paul war, hat er sich vor ihn hingestellt, ihm direkt vor die Füße gespuckt und ohne Scheu deutlich vernehmbar gerufen: »Heil Hitler! Saujud, dreckiger!«

Dabei hat er ihn angefunkelt, als würde der Beschimpfung gleich ein Faustschlag folgen. Paul war so geschockt, dass er gar nicht mehr darauf geachtet hat, wohin der junge Mensch danach verschwunden ist.

Kurz hat er überlegt, ob er wirklich als Jude sofort erkennbar war. Er trug doch keinen Hut, keine Kippa, er hat keine Beikeles, keine Hakennase. Keines der Naziklischees trifft auf ihn zu, die der »Stürmer«, dieses grässliche Nazi-Hetzblatt von Julius Streicher, das man hie und da auch in Wien sieht, ständig verbreitet.

Und doch wusste ihn ein wildfremder, offenbar nationalsozialistisch gesinnter junger Mann sofort einzuordnen und ihm gehörig Angst zu machen. Paul begriff die Szene nicht.

Er geht mit Gustl ab und zu in die Kirche, in die Synagoge, er trägt in Krems auch gerne den Kalmuck, die Winzerjoppe, und in Aussee, wenn er mit seiner Mutter in der Pension vom Gustl logiert, Lederhose und Bergschuhe, und er liebt Wagner-Musik, wenngleich er den »Ring« nur alle zwei, drei Jahre sehen muss.

Waren Gustl und er in den letzten Jahren zu gutgläubig gewesen? Waren sie blind gewesen? Paul hatte seinen Bruder Leo nicht verstanden, der 1933 nach Palästina ausgewandert war.

Für sich selbst hatte er keinen Grund zum Auswandern gesehen. Warum sollte er? Er liebt Wien, Wien ist seine Heimat. Er ist hier geboren und aufgewachsen. Er ist, das beansprucht er für sich, Wiener und glühender österreichischer Patriot.

 Robert Streibel und Bernhard Herrmann: Der Wein des VergessensDie Nazi-Exzesse der letzten Zeit, die sich vornehmlich gegen Juden, aber auch gegen politisch Andersdenkende, richten, haben ihm und Gustl die Augen geöffnet und den Blick dafür geschärft, auf welch gesellschaftlich und politisch dünnem Eis sie sich während der letzten Jahre bewegt haben.

Sie hatten die Risse in der Oberfläche nicht gesehen, nicht sehen wollen. Jetzt fielen ihnen Zeichen und Szenen ein, die sie schon vor Jahren, ja Jahrzehnten, hätten stutzig machen sollen.

Immer hatten sie weggehört, ja manchmal sogar mitgelacht, wenn in ihrer Anwesenheit Witze über Juden oder Homosexuelle gemacht wurden. Gleich nach dem Weltkrieg, im Sommer 1919, hatte der »Deutschösterreichische Schutzverein Antisemitenbund« in der Leopoldstadt immer wieder zu Pogromen aufgerufen, und Vereinsmitglieder hatten, mit Spazierstöcken bewaffnet, einen bedrohlichen Bummel entlang des Donaukanals gemacht.

Bald danach sind die Nationalsozialisten aufgetaucht, haben ihre Zeitungen im Bezirk verteilt, um die nichtjüdischen Bewohner gegen ihre jüdischen Nachbarn aufzuhetzen. Im Dezember 1929 hatte August Rieger in seinem Kalender »Verschwender/Krawall Produktenbörse« notiert.

Als sie von der Aufführung des »Verschwenders« im Volkstheater nach Hause kamen und an der Taborstraße 10 vorbeifuhren, sahen sie einen großen Menschenauflauf. Beim »Cafe Produktenbörse« waren die Fensterscheiben eingeschlagen, auf der Straße lagen Schlagstöcke, einige Männer lehnten mit blutverschmierten Gesichtern an der Hausmauer.

Die Uniformen konnten Gustl und Robi nicht sofort erkennen. Bei einer der obligaten Weihnachtsfeiern, die August Rieger zu geben pflegt, hatten sie auch über diesen Vorfall gesprochen. Und ein Journalist hatte gemeint, von einem Pogrom könne in diesem Fall keine Rede sein …

Zur vollständigen Lesprobe bei Residenz Verlag >>>


Interview mit den Autoren Robert Streibel und Bernhard Herrman zum Erscheinen des Buches „Der Wein des Vergessens“:

„Dass das 80 Jahre durchgehen konnte…“

Am 13. September wird in Krems ein Buch präsentiert, das einem Erdbeben in der (Winzer-)Landschaft der Wachaumetropole gleichkommt: Die „Winzer Krems“, die Flagship-Winzergenossenschaft der Wachau wurde durch die Arisierung eines jüdischen Weinguts groß.

Aus diesem Anlass führte Günther Stockinger das nachfolgende Interview für Viewpoint Media mit den beiden Autoren Dr. Robert Streibel und Dr. Bernhard Herrman. Eine Spurensuche …

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Günther Stockinger (GS): Wie kam es zu dem Buch, dessen Thema schlimmstenfalls bislang ein Gerücht gewesen ist?

Herrman: Im Zuge einer Erbschaft durch meine Cousine bin ich beim „Aufräumen“ auf eine Metallkassette gestoßen, die Fotos und Dokumente aus der Nazizeit enthalten hat. Da ich selbst Historiker bin, hat dieser Inhalt mein Interesse geweckt. In der Familie hat es immer Gerüchte über ein Weingut in der Wachau gegeben, dass „der Onkel“ dort gewesen sei, aber ich hätte das nie mit der Sandgrube assoziiert.

GS: Wie sind Sie dann auf Robert Streibel gekommen?

Herrman: Im Zuge meiner Recherchen, als sich herausstellte, dass „die Sandgrube“ die heutige „Sandgrube 13“ in Krems ist und den Umstand , dass Robert Streibel die kompetente Auskunftsperson zu Krems in der Nazizeit ist. Ich habe dann auch noch den gesamten Akt der NS-Vermögenverkehrsstelle zu diesem Fall im Staatsarchiv gefunden, Robert Streibel war daran ebenfalls heftig interessiert, so dass wir uns dann an die Arbeit gemacht haben.

GS: Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts…

Streibel: Es geht um das Weingut Sandgrube in Krems, das im Besitz von Paul und Johanna Robitschek, beide jüdisch, und des stillen Teilhabers August Rieger war. Robitschek war darüber hinaus Eigentümer eines großen Weinguts in der Steiermark und des größten Weinkellers in Wien-Heiligenstadt. Als die Nazis Österreich 1938 besetzten, versuchte Paul Robitschek zu einem Zeitpunkt an dem es nach reichsdeutschen Gesetzen noch möglich war, das Weingut an August Rieger, der „arisch“ war, zu verkaufen.

Tatsache aber ist, dass die Winzergenossenschaft Krems, die im Juli 1938 durch einige Proponenten gegründet worden war, nur gegründet werden konnte, wenn sie einen Keller besaß. Den hatte sie aber nicht. Der NS-Ortsbauernführer und Mitbegründer der Winzergenossenschaft Franz Aigner hatte bereits vor dem März 1938 immer wieder erklärt, „der Judenkeller des Robitschek wird der Keller der Genossenschaft“. Die Proponenten bekamen mit, dass das Weingut verkauft und im Grundbuch auf den Namen August Rieger eingetragen werden sollte. Das wurde verhindert durch die Einschaltung aller möglichen Parteidienststellen und durch Druck auf die handelnden Personen, da Robitschek und Rieger nicht nur Geschäftspartner waren, sondern auch ein Liebespaar, d.h. Homosexualität war ein wichtiger Aspekt in diesem Fall. Sie wurden z.B. bei der Gestapo angezeigt, verhaftet und der Verkauf wurde nicht akzeptiert. Das Weingut kam unter kommissarische Verwaltung.

Rieger hat sich zwar bemüht, den Schaden zu begrenzen, aber da war es schon zu spät. Er wurde noch einmal verhaftet, saß 1943 noch mal einige Monate in Einzelhaft, kam aber wieder frei. Paul Robitschek ist schließlich die Flucht über Triest, Frankreich nach Venezuela gelungen. Rieger hat Robitschek noch auf der Flucht unterstützt und auch dessen Mutter Johanna bis zu deren Deportation mit monatlichen Zahlungen unterstützt.

So war die Situation bis 1945. Nach dem Krieg versuchte August Rieger mit Vollmacht Robitschek das Weingut zurückzubekommen. Die handelnden Personen wurden sogar in Haft genommen nach §6 „Bereicherung“, aber es kam nie zu einem Prozess, sondern nur eine Voruntersuchung, die sich bis 1949 hinzog. Dann gab es einen Vergleich in der Höhe von S 600.000,- an Robitschek und Rieger. Die Winzergenossenschaft blieb Eigentümerin. Das ist in Kürze die Geschichte.

GS: 2005 erschien das Buch „Der Kremser Wein und die Kremser Weinkultur“ von Hans Frühwirth, das bezogen auf den „Erwerb“ der Sandgrube voll von Geschichtsklitterung ist…

Herrman: Ja, das betrifft vor allem den Zeitpunkt des „Erwerbs“. Frühwirth schreibt: „Der Keller des 1938 geflüchteten Paul Robitschek, von einem Treuhänder verwaltet, war frei (sic! GS). Er wurde zu einem der damaligen Zeit entsprechenden Preis angekauft. Dass es kein „unredlicher Erwerb“ war, wurde 1947 von einem Beamten des Volksgerichtshofes bestätigt“. Weiter wird unterschwellig das Klischee der „jüdischen Gier und Unredlichkeit“ bedient: „Trotzdem forderte 1946 der nunmehr in Venezuela beheimatete Robitschek die Rückstellung des Kellers ein. Die völlige Erfüllung seiner Forderung (1 Million) hätte die Genossenschaft schwer geschädigt oder sogar zu deren Auflösung geführt (…) Im Juni 1948 kam nach einem Lokalaugenschein unter dem damaligen Obmann Gottfried Preiß ein Vergleich zustande. Die WG (Winzergenossenschaft, Anm. GS) zahlte einen Abschlagbetrag von S 600.000 und kaufte damit den Keller zum zweiten Male“.

Frühwirth erwähnt nicht, dass der angeblich „der damaligen Zeit entsprechende Kaufpreis von 22.000 Reichsmark auf ein Sperrkonto überwiesen wurde und so dem Fiskus des „Dritten Reiches“ zugefallen war und nicht den jüdischen Eigentümern. In dem Frühwirth-Buch kommt kein einziges Mal das Wort „Nationalsozialismus“ vor, der Autor blendet damit bewusst die Gründungsgeschichte aus, die Profiteure in Krems, die anti-jüdische Gesetzgebung („Entjudung“ )und deren dramatische Auswirkungen auf das Schicksal der jüdischen Eigentümer der Sandgrube und deren Freunde.

Streibel: Dieser Fall war in dieser Dimension für mich selbst überraschend und ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Kremser Zeitgeschichte. Ich habe zwar immer wieder Gerüchte gehört, aber dass es bis 2017/18 möglich war, dass ein Paradeunternehmen es bis heute geschafft hat eine (scheinbar) weiße Weste zu haben, dass in der Sandgrube 13 seit vielen, vielen Jahren das Festival glatt&verkehrt mit Gästen aus der ganzen Welt abgefeiert wird und kein Mensch hat sich gefragt: Hallo, die Winzergenossenschaft wird nach dem „Anschluss“ gegründet, war da nichts? Und dass das 80 Jahre durchgehen konnte!

Nach 80 Jahren war es nun Zeit, die Wahrheit über die Gründungsgeschichte der Winzergenossenschaft im Sommer 1938 ans Licht zu bringen. Das soll das Buch leisten.

GS: Ich danke Ihnen für das Gespräch. Und: Das Buch ist auch ein wichtiger Beitrag zum Gedenkjahr.

Robert Streibel und Bernhard Herrmann: Der Wein des Vergessens (Interview mit den Autoren)

Die Autoren Robert Streibel und Bernhard Herrman im Interview mit Günther Stockinger
© 2018 Viewpoint Media


Zum Interview mit dem Winzer Arnold Holzer,
der den „Wein des Vergessens“ keltert

Der Wein des Vergessens: Eschenhof-Winzer Arnold Holzer im InterviewEschenhof-Winzer Arnold Holzer setzt einen ebenso ungewöhnlichen wie mutigen Schritt: Er keltert den echten „Wein des Vergessens“ (siehe Story zur Gründungsgeschichte der Winzergenossenschaft Krems).

Günther Stockinger (GS) besuchte Holzer in Großriedenthal: Eine Verkostung.

Großriedenthal ist eine Gemeinde von rund 900 Einwohnern, liegt zwischen dem Südrand des Weinviertels und dem Höhenzug des Wagram. Das Wort bedeutet „Tal der guten Weinriede“ und so ist gefühlt jedes dritte Haus ein Weingut.

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