Page 13 - Wolfgang A. Gogolin: Als Jesus aus den Wolken fiel
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wechselte. Windstille. Die Knopfaugen der Havaneserin schauten hoch
            zum Herrchen. Ein Fragezeichen stand in dem Blick und ein Fluchtge-
            danke. Der Rentner stieg die Stufen weiter hoch, bis er auf der Deich-
            krone stand. Sein Atem stockte. Molly zittere. »Ach, du meine Güte. Was
            ist das denn?«, fragte Hermann, doch niemand war da, um ihm diese
            Frage zu beantworten.




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            Die weiß getünchte Fassade des »Lütt Hüs« bekam zusehends eine andere
            Beleuchtung. Weißes Haus – dunkles Reetdach. Normalerweise harmo-
            nisch, mutierten die beiden Farben zu Gegenspielern in dämonischer Art.
            Selbst die beiden Spalierrosen am Eingang des Hauses gaben sich plötz-
            lich widerborstig. Sie ließen alles Blattwerk hängen und stellten die Sta-
            cheln auf. Nur eines veränderte sich nicht: der Hügel, auf dem das »Lütt
            Hüs« stand. Er gab den Charakter des Anwesens wieder. Erhaben, frei
            und jederzeit verteidigungsbereit. Drei Blutbuchen, die im Rücken des
            Hauses standen, schienen ebenfalls eine Vorahnung zu haben. Sie wirk-
            ten, als würden sie sich auf etwas vorbereiten. Gerade, ohne Bewegung
            rüsteten sie sich. Die Luft stand.
              Der Wirt des Gasthofs hatte von der Andersartigkeit der Atmosphäre
            noch keine Notiz genommen. Frikadellenprobleme standen immer noch
            im Vordergrund. Trotz flüssigen Männeryogas.
              »Antje, verdammich! Frikadellen! Sofort!«, gellte es an der Theke und
            die Dienstanweisung war sogar noch vor der Haustür zu hören. Sofern
            dort jemand gewesen wäre. Glück aufseiten des Wirts. Fremde hätten
            den Eindruck gewinnen können, dass Peter Bruns ein Despot sei. Doch
            manchmal täuschte der Eindruck. Die Schwingtür zur Küche tat endlich
            das, was man von einer Schwingtür erwarten durfte – sie schwang auf.
              »Was schreist du hier so herum, Peter Bruns. Gibt es nicht genügend
            Gläser, die entstaubt  werden müssen?«  Antje Bruns stand in  hellblau
            karierter Rüschenschürze und mit einem Teller voller Frikadellen mitten-
            mang in der Tür. Aus dem blonden Haar, von einem Zopf beherrscht, fiel
            eine Strähne. Die Haare einer Frau zeigten grundsätzlich den Gemütszu-


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