Erinnerungskultur in Krems: Nationalsozialismus und Krieg – auf der Suche nach der „menschlichen Dimension“

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Der verdienstvolle Kremser Historiker Dr. Robert Streibel nimmt im April an einer internationalen HistorikerInnen-Konferenz in Moskau teil. Er stellte Hans Ronberg seinen Beitrag exklusiv für Viewpoint-Media zur Verfügung…

Robert Streibel (Autor)

Robert Streibel

Krems und Moskau trennen fast 2000 Kilometer. Das sind Welten und trotzdem ist die Beziehung enger als man denken möchte – nicht auf den ersten Blick, aber menschlich gesehen. Das schreit nach Aufklärung. Zuerst kamen unsere Großväter nicht als Touristen, sondern als Teil der Deutschen Wehrmacht als Soldaten. Als alle Männer als Teil der nationalsozialistischen Eroberungsphantasien in vielen Teilen Europas kämpften, verwalteten und raubten und am Beginn auch siegten wurden im Gegenzug nicht nur Briefe und Geraubtes in die Heimat geschickt, sondern auch Kriegsgefangene. Als der Krieg andauerte, fehlten im Land die Arbeitskräfte und es wurden sogenannte „fremdvölkische“ Arbeitskräfte im Osten „requiriert“ und in meine Heimat verfrachtet, um hier als moderne Sklaven in der Landwirtschaft, im Weingarten und in den Fabriken zu arbeiten.

Und dann kamen nach sieben Jahren die Soldaten der Roten Armee und später auch die österreichischen Männer aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Die menschlichen Beziehungen zwischen Österreich und Russland sind enger als man denken könnte. Das ist natürlich als Paradoxie zu sehen, denn menschlich war am 20. Jahrhundert, wie auch davor, wenig. Die Menschen mussten die Rechnung bezahlen mit ihrem Leben, mit Verletzungen und mit ihren Alpträumen. In meinem Vortrag möchte ich Beispiele für eine Suche nach diesen Beziehungen dokumentieren.

Krems liegt 80 Kilometer westlich von Wien an der Donau, es ist dies entweder der Beginn oder das Ende der Wachau, eines der bekanntesten Weinbaugebiete Österreichs. Krems ist ein besonderer Ort, nicht nur touristisch, sondern auch historisch. Weil hier die Nibelungen durchgezogen sind, hat dies die Gedanken jener, die das Heil in Germanen und Deutschland sahen, beflügelt. Die Großdeutschen und Nationalsozialisten fanden in Krems nicht wenige Anhänger. Hier hatte der Antisemitismus Tradition (1), so wurde hier bei einem deutschen Turnfest 1886 zum ersten Mal der „Arierparagraph“ (2) angewandt. Krems war 1932 die erste Stadt mit einem nationalsozialistischen Bürgermeister. Nach einem Attentat in Krems wurde 1933 die NSDAP in ganz Österreich verboten. Als ich vor 30 Jahren begann die Geschichte der Stadt während der NS Zeit zu erforschen, nach den Juden, dem Widerstand, den Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern fragte, war die Begeisterung nicht sehr groß. Die Zeiten haben sich jedoch geändert. Auf den Friedhöfen der Stadt findet man Grabsteine mit Ortbezeichnungen, wo die Väter und Söhne gefallen sind.

Die Geschichte der Österreicher in der Deutschen Wehrmacht ist bis heute nicht geschrieben, die Militärgeschichte hat sich in Österreich durch Jahrzehnte um diese Zeit herumgeschwindelt.

Zu akzeptieren, dass „wir“ ein Teil eines Vernichtungskrieges waren, ist nicht so einfach gewesen. Auf dem Friedhof stößt man aber auch auf Gräber sowjetischer Soldaten, Namen (3).

Bis heute hat niemand den Versuch unternommen zu fragen, wer denn diese Männer waren, die hier, tausende Kilometer von ihrer Heimat entfernt, gefallen sind für eine Befreiung, die bis vor wenigen Jahren nicht als solche bezeichnet wurde. Mein Besuch heute ist ein Versuch, dies spät aber doch zu beginnen.

Ohne Namen sind die Toten des größten Kriegsgefangenenlagers Stalag 17 B in Gneixendorf, zehn Kilometer von Krems Richtung Norden. 1621 sowjetische Soldaten sind an Seuchen oder Hunger in diesem Lager gestorben. Nach der Befreiung lag Krems in der russischen Besatzungszone. Die Toten wurden exhumiert und in einem Ehrengrab am Hauptplatz beigesetzt. Die Bevölkerung sollte sehen was Krieg bedeutet.

Luftaufnahme des STALAG XVIIb in Krems-Gneixendorf von einem amerikanischen Aufklärungsflugzeug (1941).

KZ Mauthausen, sowjetische Kriegsgefangene (1941).

Heute wird man nach dem Obelisken vergeblich suchen. 1961 hat die Stadt festgestellt, dass dringend Parkplätze benötigt werden und sich mit den sowjetischen Vertretern geeinigt, diese Anlageaufzulassen. Die Toten wurden abermals exhumiert (4) und in einem Grab am Friedhof begraben.

Ganz anders verhält es sich mit einem Erinnerungsstein für den General Karl Eibl, der sich ebenfalls auf dem Südtiroler Platz in Krems befindet. Der Text dieses Steines gibt nicht sofort Auskunft, an wen hier gedacht wird, und das hat seinen Grund. Denn es ist dies das vielleicht einzige Denkmal für einen General der Deutschen Wehrmacht in Österreich. Er konnte mit seiner Einheit dem Kessel von Stalingrad entkommen und fiel 300 Kilometer westlich im kleinen Städtchen Rossosch (5). Karl Eibl war Berufssoldat, nicht Mitglied der NSDAP, sah es aber als seine Pflicht an, die Heimat irgendwo in Polen, in der Sowjetunion zu „verteidigen“.

Der Gedenkstein wurde im Jahr 1959 für ihn und seine Kameraden errichtet, weil er familiäre Beziehungen zur Stadt hatte und hier auch das erste Treffen der ehemaligen Stalingradkämpfer stattgefunden hat (6). Dass Krems ausgewählt wurde, hatte verschiedene Gründe, denn der Bürgermeister galt als Vertreter einer Politik, die mit populistischen Mitteln das Rad der Geschichte ein wenig zurückdrehen wollten.

Franz Wilhelm war der einzige Bürgermeister, der gegen die Verhaftung von Judenmördern protestiert hatte, als sie aus der russischen Kriegsgefangenschaft nach Österreich gebracht wurden (7). Kein Wunder, dass dieser Ort für ein Erinnerungstreffen ausgesucht wurde. Ich hatte es mir zum Ziel gesetzt, die Geschichte Karl Eibls zu recherchieren, nicht nur in Archiven. Ich reiste in die Ukraine und 2012 nach Russland (8) an den Platz, wo Karl Eibl ums Leben kam. Der Leiter des kleinen Museums in Rossosch hat sich über meinen Besucht gefreut, als ich den Raum betrat, lachte mir ein großes Bild von Karl Eibl entgegen.

Kommentar des Museumsleiters: Hier bei uns sind alleine drei Generäle der Deutschen Wehrmacht getötet worden. Die Zeiten ändern sich. Eine Historikerkommission in Krems hat zum Beispiel beschlossen, dass das Denkmal für Karl Eibl kontextualisiert werden soll. Die Geschichte zwischen Krems und Moskau hört auch nach 1945 nicht auf. Nach 1945 hatte Krems die erste Frau als Stadträtin, die Kommunistin Therese Mahrer. Durch kluge Verhandlung mit der Sowjetischen Besatzungsmacht erreichte sie, dass bereits 1947 die Kaserne der Stadt zur Verfügung gestellt wurde, um dort Schulen unterzubringen, die bis heute bestehen.

Es hat bis zum Jahr 2019 gedauert, bis ein kleiner Park (9) nach Therese Mahrer benannt wurde. Ihr Mann Louis Mahrer (10), ein Lehrer und Literat, beschreibt in einem unveröffentlichten Beitrag die Zeit unmittelbar nach dem Abzug der letzten sowjetischen Soldaten aus Krems. „Dieses Krems hatte zehn Jahre lang seine russische Kommandantur und darin seine und zwanzig Mann russischer Besatzung. Man kann nicht sagen, dass daraus große Schwierigkeiten für irgendwen entstanden wären (11), im Gegenteil. Immer wenn die Herren irgendetwas schlecht machten, sodass der Fleischpreis stieg oder die Zigaretten teurer wurden, wenn der Hagel die Weinernte vernichtete und kein Hauer versichert war, weil er die Prämien nicht bezahlen konnte, so waren, so dumm das auch klang, irgendwie immer diese paar Russen Schuld. (12)

Ich hoffe dass es gelingt, in Zukunft die menschliche Dimension der Geschichte dokumentieren zu können, damit es nicht nur die Geschichte eines russischen Kriegsgefangenen gibt (13), der STALAG 17 B überlebt hat, sondern einige der Opfer Namen bekommen, dass zumindest von einigen Soldaten, die in den letzten Kriegstagen in Krems gefallen sind, die Geschichte erzählt werden kann und vielleicht natürlich auch die sowjetischen Besatzungszeit an Hand russischer Akten geschrieben werden kann.

[Hans Ronberg]


  1. Attacke auf Vertreter des Zionistenkongresses bei einer Schifffahrt in der Wachau 1925. Arbeiter-Zeitung 18.8.1925. S.1.
  2. Franz Xaver Kießling der „Erfinder“ des „Arierparagraphen“ im Deutschen Turnverein hatte bis 2019 ein Ehrengrab in Krems.
  3. Transkript gefallener Sowjetischer Soldaten 2.
  4. Presse 15.9.1960.
  5. Filmdokumentation in Rossosch. Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=b0IHq_3Anso; Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=b0IHq_3Anso; Ein Baum an der Kalitwa. Karl Eibl in Nowokarkowka: https://www.youtube.com/watch?v=K455p74WHX8
  6. Land-Zeitung 12.9.1959.3.
  7. Am 31. Mai 1956 berichtet die „Kremser Zeitung“, dass das Justizministerium bekanntgab, dass 15 Spätheimkehrer aus russischer Gefangenschaft verhaftet wurden. Ihnen wird vorgeworfen, während des Krieges in Polen als Polizisten bzw. Wehrmachtsangehörige an Erschießungen teilgenommen zu haben. Der Bürgermeister Franz Wilhelm protestierte dagegen in einem Telegramm an den Justizminister. „Wollen Sie bitte auch zur Kenntnis nehmen, dass gewisse, von Hass- und Racheinstinkten der ersten Nachkriegsjahre geleiteten neugeschaffenen sogenannten Kriegsverbrecher-Tatbestände, zwischenzeitig auch international als sehr problematisch angesehen werden.“
  8. Robert Streibel: Nur ein Soldat? Eine Spurensuche in der Ukraine. In: Die Presse 3.6.2011.
  9. Mein Bezirk. 28.2.2019. Ein Park für eine große Kremserin: Therese-Mahrer-Park: https://www.meinbezirk.at/krems/c-lokales/ein-park-fuer-eine-grosse-kremserin-therese-mahrer-park_a3231117.
  10. Geschichte über den Widerstand zweier Wehrmachtssoldaten in Serbien. Louis Mahrer: Bora. Mit einem historischen Kommentar von Robert Streibel. Weitra. Verlag Bibliothek der Provinz. 216 S. 2017. 4
  11. Vergessen werden dabei von Mahrer die unmittelbar nach dem Ende des Krieges massiven Vergewaltigungen, die es auch in Krems gab. Er selbst notierte am 31.7.1945 verzweifelt in seinem Tagebuch: „Wenn man weiß, dass hier im Bezirk Krems seit Mai 44 Menschen ermordet und über 800 Fälle Schändungen gezählt worden sind, wozu die unzähligen Plünderungen der Weinkellereien kommen. Ich bin jetzt oft mehr in Verzweiflung als während des Krieges, denn es droht ein Verfall und Untergang unseres Landes, eine dunkle Zeit voll Hunger, Verfall, Verbrechen und Gemeinheit“.
  12. Privat. Louis Mahrer Manuskript. „Kaum war der letzte Russe fort. 5.11.1955.
  13. Barbara Stelzl-Marx, Unter den Verschollenen, Erinnerungen von Dmitrij Čirov an das Kriegsgefangenenlager Krems-Gneixendorf 1941 bis 1945. Horn – Waidhofen/Thaya 2003. 5.

Ehrengrab des deutsch-nationalen Heimatforscher Franz Xaver Kießling in Krems:

Ehrengrab des deutsch-nationalen Heimatforscher Franz Xaver Kießling in Krems

Bis heute hat der Erfinder des „Arierparagraphen“, der deutsch-nationale Heimatforscher Franz Xaver Kießling, ein Ehrengrab der Stadt Krems.
Stadt eiert seit einem Jahr um die Aufhebung dieses skandalösen Umstands herum…

Foto: Hans Ronberg

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