Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber

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Erwin Riess: "Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber"Autor: Erwin Riess
Format: Hardcover, E-Book
Seitenzahl: 300 Seiten
Verlag: Otto Müller Verlag Salzburg
Auflage: 1 (August 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3701312542

Altersempfehlung: Ab 14 Jahre, Erwachsene
Website von Erwin Riess

Klappentext:

„Unbeschreiblich und atemberaubend ist die Fülle von ökonomischen, historischen und kulturellen Fakten, von zeitgeschichtlichen und technischen Details, die Groll (…) zur Sprache bringt.“ (Kurt Neumann, Standard)

Herr Groll, der rollstuhlfahrende Detektiv aus der Wiener Vorstadt, ermittelt mit seinem Freund, dem „Dozenten“, in Rom. Markus, ein Zögling des Malteserordens, ist verschollen. Der Dozent hingegen will eine polnische Historikerin bei der Suche nach einer ominösen Koranausgabe aus der Frühzeit des Islam unterstützen.

In einem Weingut der Malteser findet Groll den väterlichen Freund des Novizen erdrosselt vor. Die Nachforschungen erweisen sich aufgrund der römischen Stadtgeografie und der antiken Straßenbeläge als schwierig …

Dennoch gelingt es Groll mit Hilfe des Lebenskünstlers Ezechiel Heavensgate auf dem Aventin und in der Malteserzentrale Markus‘ Spur aufzunehmen. Dabei wird er in die Konflikte zwischen papsttreuen und papstfeindlichen Klerikern verstrickt. Auch die Mafia Capitale mischt mit.

Der Dozent hat eine leidenschaftliche Affäre mit der Historikerin. Die Anhängerin der spätantiken Religion des Mani fesselt ihn mit ihrem Wissen und ungewöhnlichen Sexualpraktiken.

SS-Führer Himmler habe in einer NS-Ordensburg eine Koranausgabe aus der Zeit des Propheten gehortet, die von jüdischen Schriftgelehrten verfasst wurde. Das Original sei verschollen, aber in Rom sollen sich Kopien des Buches befinden.

Während sich der Dozent in die Spätantike versetzt sieht, wird Groll vom Strudel der papstfeindlichen Verschwörung mitgerissen. Mister Giordano, Grolls New Yorker Freund mit sizilianischen Wurzeln, schaltet sich ein.

Über den Autor Erwin Riess:

Erwin Riess (Autor)Erwin Riess (* 13. März 1957 in Wien) ist ein österreichischer Politikwissenschaftler; seit 1983 Rollstuhlfahrer, ist ein Behindertenaktivist und seit 1994 freier Schriftsteller.

Er verfasst Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher und Prosa.

Nach der Schulzeit in Krems, Niederösterreich, studierte Riess an der Universität Wien Politik- und Theaterwissenschaft, wurde 1984 am Institut für Staatswissenschaft mit der Dissertation Ökonomische und staatliche Strukturen des österreichischen Kapitalismus im Aufriß zum Dr. phil. promoviert und arbeitete zunächst als Verlagslektor.

Nach einem Rückenmarkstumor selbst Rollstuhlbenutzer, engagiert er sich für die Anliegen behinderter Menschen in der Gesellschaft. Von 1984 bis 1994 war er wissenschaftlicher Referent für behindertengerechtes Bauen im österreichischen Wirtschaftsministerium. Er engagiert sich bei EUCREA, dem europäischen Netzwerk für Kreativität von und für Personen mit Behinderung.

1998, 2000 und 2002 hatte er an der Universität Klagenfurt Gastprofessuren für Integrationspädagogik inne.

Seit 1994 lebt er als freier Schriftsteller. Bekannt wurde er als Theaterautor und Verfasser von absurden Kriminalromanen. 1998 war er Writer in Residence an der New York University. Er schreibt u.a. regelmäßig für die linken Zeitschriften Volksstimme und konkret[2] über die politischen Verhältnisse in Österreich, wobei er insbesondere gesellschaftliche Kontinuitäten zum Nationalsozialismus kritisiert.

Erwin Riess lebt seit 2007 in Wien und Kärnten.

Stipendien und Auszeichnungen:

  • 1992: Hans-Weigel-Literaturstipendium
  • 1997: Wiener Autorenstipendium
  • 2002: Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Literatur

Erwin Riess‘ Stil zeichnet sich durch hintersinnigen Witz und eine omnipräsente, bis zum Sarkasmus gesteigerte Abrechnung mit der Ignoranz der Gesellschaft aus, der das Wort Barrierefreiheit unbekannt geblieben scheint.

Seine Figur des Floridsdorfer Rollstuhlfahrers und Schiffsfanatikers Groll (in Erzählungen und mittlerweile vier Romanen) kämpft in absurden Situationen gegen diese bei Architekten und Politikern gleichermaßen verbreitete Blindheit an.

Es ist jedoch nicht der Behinderung der Hauptperson geschuldet, dass die seltsamen Aufträge, die Groll vom in New York domizilierten Italiener Giordano erhält, jeweils desaströs enden: vielmehr lässt sich an den Geschichten beobachten, wie ein einzelner mit Humor und vor allem unerschöpflicher Ausdauer gegen das unfaire Wüten des Schicksals angeht und sich im Hindernislauf des Alltags behauptet.

Quelle: Website von Erwin Riss

Auszüge aus dem Buch „Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber“:

PROLOG

Erwin Riess: "Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber"Ich bin religiös wie ein Windrad. Das dreht sich im Kreis, produziert Strom und braucht dazu kein höh’res Wesen. Auch ich drehe mich oft im Kreis, produziere aber höchstens leere Kilometer.

Höh’re Wesen kenne ich viele, das ist in meiner Sitzposition nicht anders möglich. Was diese Herrschaften anlangt, ist mein Bedarf aber gedeckt. Seit ich denken kann, liege ich, ein Angehöriger der niederen Stände, mit den höh’ren Wesen im Streit.

Mister Giordanos Bitte, die Geschichte des verlorenen Malteser Sohnes aufzuschreiben, konnte ich nicht abschlagen. Dennoch war es ein Fehler, dem Drängen des alten Herrn nachzugeben, denn die Geschichte erwies sich als Mahlstrom, wer da hineingezogen wird, ist verloren.

Daß wir in Rom der Auslöschung entgingen, ist reiner Zufall. Die Schäden an meinem armen Rollstuhl Joseph und meine lädierte Schulter erinnern täglich daran.

Daß wir in dem allgemeinen Chaos auch noch einen Weltkrieg verhinderten und den Chef der römischen Christenheit vor seinen lieben Kardinalsbrüdern retteten, erwähne ich nur am Rande. Die Welt kennt meine Bescheidenheit …

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l. KAPITEL

Eine hochnotpeinliche Befragung. Kanadische Pioniere und die Farben des Erdöls. Eine Profeß in Rom, eine Flucht nach Sibirien, eine verzweifelte Mutter im Weinviertel

Erwin Riess: "Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber"„Ich habe nur Schlechtes von Ihnen gehört“, sagte die großgewachsene Dame im olivgrünen Kostüm.

„Sie trinken mehr, als Ihnen guttut, noch dazu trinken Sie schlechten Wein. Wahrscheinlich können Sie sich guten Wein nicht leisten oder Sie sind nicht in der Lage, guten Wein zu erkennen. In Weingegenden ist dieser Defekt häufig anzutreffen.

Ich weiß das, ich komme aus einer Weingegend. Darüber hinaus sind Sie unzuverlässig, großsprecherisch und neigen zu Eskapaden, aus denen andere Sie retten müssen.

Daß Sie im Rollstuhl sitzen, spricht auch nicht für Sie. Leute Ihres Schlages müssen immer kompensieren. Daraus resultieren ein brüchiges Selbstbewusstsein, das gern mit einem schmierigen und hinterfotzigen Charakter einhergeht, und ein Hang zur Traumtänzerei.

Auch das weiß ich, denn ich habe mit behinderten Jugendlichen gearbeitet. Eine disziplinlose und obszöne Bande.“

Es war still im Garten des Binder-Heurigen in Wien-Floridsdorf. Eine warme Brise umspielte den weißen Fliederbusch. Die Klientin und ich waren allein.

Im Frühling tauchen die ersten Heurigengeher erst bei Einbruch der Dämmerung auf. Ich war kein Heurigengast, ich hielt Sprechstunde in der Freiluftkanzlei meiner illegalen Lebens-und Vermögensberatung „Ister“. Die Adresse wurde nur unter der Hand weitergegeben.

Wer zu mir fand, hatte schon einiges hinter sich und steckte in großen Schwierigkeiten. Für die meisten Klienten bin ich die letzte Hoffnung. Es gibt keine bessere Geschäftsgrundlage.

Ich lehnte mich im Rollstuhl zurück. „Fahren Sie in der Laudatio fort.“

Es ist nicht ungewöhnlich, daß manche Klienten sich bei der Erhebung der Anamnese arrogant gebärden; sie hoffen dadurch den Preis für meine Dienstleistung drücken zu können. Das Gegenteil ist aber der Fall. Wer mit dem Rücken zur Wand steht und dennoch feilscht, landet bei mir in der Honorarklasse zwei, fünfzig Prozent Aufschlag für Dummdreistigkeit in Tateinheit mit Anmaßung.

Die Frau in Olivgrün kramte in ihrer Handtasche, holte ein großes weißes Kuvert hervor und legte es auf den Holztisch.

„Da ist kein Geld drin. Falls Sie das hoffen.“

Ich hätte das Hoffen am Tag meiner Firmung aufgegeben, erwiderte ich. Sie schaute mich streng an, wie eine Lehrerin, die eine obszöne Bemerkung aus der Klasse hört.

„Wann sind Sie aus der Kirche ausgetreten?“

„Mit der Volljährigkeit. Ich dachte, eine Religion, die Leute wie mich aufhimmt, taugt nichts. Im übrigen nehme ich keine Anzahlung, nur
Erfolgshonorar.“

Nach einer kurzen Pause fügte ich hinzu, daß ich gegen einen Spesenersatz im voraus aber keinen Einwand hätte. In welcher Höhe dieser zu veranschlagen zu sei, wollte die Klientin nun wissen. Er erreiche das Niveau einer großzügigen Anzahlung,
erwiderte ich.

Ein Lächeln umspielte ihren Mund. „Genau so wurden Sie mir beschrieben. Unberechenbar und gerissen. Also keine Anzahlung, sondern ein Spesenersatz in Höhe einer Anzahlung.“

Ich nickte ernst …

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Rezension zum Buch „Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber“:

Mein erster Groll-Roman. Ich lernte diese Krimi-Serie im etablierten Stil, bei der ein dem Leser bekannter Ermittlers begleitet wird, durch eine Lesung im OE1 Radio kennen. An der Stelle übrigens eine dringende Enpfehlung dieses grandiosen Senders!

Der Text „erwischte“ mich gleich doppelt, weil ich einerseits positiv auf Religionskritik reagiere, vor allem wenn sie ironisch daherkommt und andererseits große Affinität zu gepflegter Sprache verspüre, auch wenn sie formal gewollt ein wenig schludrig daherkommt.

Also: her damit und lesen! Dann bestätigte sich der erste Eindruck, dann verwunderten mich manche Holprigkeiten und Unklarheiten im erzählerischen Verlauf, dann blieb ich gar verwirrt hängen und blätterte zurück, weil ich nicht mehr wussste, wer denn jetzt nun spricht, oder erzählt und wollte das Buch schon genervert weglegen, dann aber wieder einige wirklich kluge, humorvolle und spannende Seiten, die mich erneut an den Text fesselten.

Ja – und so lese ich also immer noch hin und her gerissen zwischen gefühlten strukturellen Plot-Schwächen, rationaler thematischer Zustimmung, Vergnügen an Sarkassmus und Ironie und Bewunderung der sprachlichen Finesse.

Allemal lesenswert das Buch! Wer den Brenner mag und den Ostbahn, wird auch den Groll mögen …

Quelle: Kundenrezension bei Amazon


Erwin Riess – „Groll rollt wieder“ (Freak-Radio +UT)

Veröffentlicht am 17. 05. 2017; Dauer: 00:05:05

Interview mit Erwin Riess mit Ausschnitten aus Lesungen, unter anderem aus dem Buch „Herr Groll und die Stromschnellen des Tiber“.

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