Masha Gessen: Autokratie überwinden

0

Die preisgekrönte Journalistin und Buchautorin Masha Gessen analysiert, wie sich die USA unter Donald Trump verändert haben, wie Institutionen versagen, demokratische Prozesse missachtet werden und Autokratien entstehen. Das Buch liefert eine Anleitung zum Widerstand und zum Wiederaufbau der Zivilgesellschaft in einem krisengeschüttelten Land, das auch nach einer Abwahl Trumps nicht mehr zur Tagesordnung übergehen kann…

Masha Gessen: Autokratie überwinden

Masha Gessen: Autokratie überwinden

Autorin: Masha Gessen
Übersetzer: Henning Dedekind, Karlheinz Dürr
Format: Taschenbuch, E-Book
Seitenzahl: 299 Seiten
Verlag: Aufbau Verlag
Auflage: 1 (Juni 2020)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3351038540

Bestellen bei Amazon>>>
Masha Gessen auf Facebook

Klappentext:

Nicht nur Russland, Ungarn oder die Türkei sind autokratische Staaten. In den USA werden täglich demokratische Prozesse missachtet, korrodieren Rechtsystem und kulturelle Normen, verfallen Bürger dem Versprechen radikaler Einfachheit, der Aufteilung der Welt in »Us« und »Them«.

Vor dem Hintergrund einer im postsowjetischen Russland verbrachten Jugend beschreibt Masha Gessen das Versagen von Institutionen, Medien und Opposition und das Ende der Würde in der US-amerikanischen Politik. Das Buch ist eine messerscharfe und schonungslose Analyse, wie Autokratien entstehen, eine Anleitung zum Widerstand – und ein Handbuch für den Wiederaufbau der Zivilgesellschaft in einem Land, das auch nach einer Abwahl Trumps nicht zur Tagesordnung übergehen kann.

Über die Autorin Masha Gessen

Masha Gessen

Masha Gessen

Masha Gessen wurde 1967 als Kind einer aschkenasisch-jüdischen Familie in Moskau geboren, ihre Familie emigrierte mit ihr 1981 aus der Sowjetunion in die Vereinigten Staaten. Später wurde sie Russlandkorrespondentin des amerikanischen Nachrichtenmagazins U.S. News & World Report. 1991 kehrte sie als Journalistin nach Russland zurück, um den Übergang in die liberale Demokratie journalistisch zu begleiten. Als Kriegsreporterin berichtete sie über Tschetschenien, kommentierte den Aufstieg von Wladimir Putin und die Zeit unter Präsident Dmitrij Medwedew. Darüber hinaus schrieb sie Biographien über den Mathematiker Grigori Perelman und über Pussy Riot.

Masha Gessen ist aktiv in der Lesben- und Schwulenbewegung tätig und siedelte 2013 wegen der zunehmenden Repressionen gegen Homosexuelle in Russland von Moskau nach New York City um. Im selben Jahr (2013) erhielt sie den schwedischen Tucholsky-Preis für Schriftsteller, die im eigenen Land verfolgt oder bedroht werden und daher im Exil leben müssen.

Für ihr Werk „The Future Is History: How Totalitarianism Reclaimed Russia“ erhielt Gessen 2017 den National Book Award in der Kategorie Nonfiction. Das Buch erzählt die Lebensgeschichten von vier jungen Russen, die zur Welt kamen, als dem Land ein demokratischer Aufschwung prophezeit wurde. 2019 wurde es mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Das Buch wurde mehrfach vom russischen Zoll bei Kontrollen zurückgehalten.

Masha Gessen lebt in New York und schreibt für das Magazin The New Yorker.

Autokratie überwinden (Leseproben):

INHALT:

Prolog

Teil 1: Ein autokratischer Versuch

1. Wie sollen wir es nennen?
2. Warten auf den Reichstagsbrand
3. Der Styropor-Präsident
4. Wir könnten es eine »Kakistokratie« nennen
5. Wir könnten es als »Korruption« bezeichnen
6. Wir könnten es »autokratische Ambition« nennen
7. Wir könnten »destruktive Herrschaft« dazu sagen
8. Das Ende der Würde
9. Mueller konnte uns nicht retten
10. Die Institutionen konnten uns nicht retten

Teil 2: Herrscher über die Realität

11. Worte und Wortsinn
12. Die Machtlüge
13. Die Twitter-Falle
14. Eine Normalisierung ist (fast) unvermeidlich
15. Widerstand in Trumps Krieg gegen die Medien
16. Wie die Politik stirbt

Teil 3: Wer ist »Wir«?

17. Trumps Präsidentschaft: weiß, männlich, rassistisch
18. »Werft die Maske der Heuchelei ab«
19. Die Antipolitik der Furcht
20. Konfrontation mit der Zivilgesellschaft
21. Die Macht der moralischen Autorität
22. Wer ist »wir«? Und wer sind wir?

Epilog
————————————————-
PROLOG (Auszüge)

Die gesamte Bandbreite von Donald Trumps Repertoire war den Amerikanern sattsam bekannt, als er am Abend des 11. März 2020 endlich beschloss, sich an die Nation zu wenden und über die Corona-Pandemie zu sprechen: Regieren durch Gesten, Verschleierung und Lügen, Eigenlob, gezielt geschürte Angst und Drohungen. Wiederholt hatte er das Coronavirus als milde Grippe und sogar als Schwindel abgetan; er hatte vorhergesagt, dass es auf wundersame Weise wieder verschwinden werde. Es war nun zwei Monate her, seit China, wo die Krankheit erstmals aufgetreten war, den Gencode des Virus öffentlich zugänglich gemacht hatte. Die Vereinigten Staaten hatten diese Zeit größtenteils verschwendet.

Krankenhäuser wurden nicht ausgestattet, um mit der drohenden Flut neuer Patienten fertigzuwerden. Schutzkleidung und -materialien waren knapp. Wichtige Informationen wurden vom Weißen Haus unter Verschluss gehalten. Es gab keine Tests. Nun, da sich das Virus im Land ausbreitete, war es zu spät für eine Prävention, und niemand hatte einen Plan, wie man die Epidemie abschwächen oder verlangsamen könnte.

Im Staate Washington, wo die ersten Corona-Toten zu beklagen waren, machte sich Panik breit, dann in Kalifornien, New York und anderswo. Schließlich trat Trump im Fernsehen auf. Er spulte also sein gesamtes Repertoire ab: Er verkündete ein Einreiseverbot für Reisende aus Europa – das war seine große Geste. Er rühmte sich, »äußerst rasch und professionell« zu reagieren, versprach flächendeckende Tests und wirksame antivirale Therapien und beruhigte seine Zuhörer, dass die Krankenversicherungen sämtliche anfallenden Kosten dafür übernähmen; das war seine Verschleierungs- und Lügentaktik.

Solche Beteuerungen vermischten sich nahtlos mit Eigenlob, wozu auch gehörte, die amerikanischen Maßnahmen als »äußerst aggressiv und umfassend« zu bezeichnen, zu behaupten, man gehe mit der Epidemie besser als die europäischen Länder um, und die Versicherung, dass die Vereinigten Staaten bestens vorbereitet seien.  Nichts davon war wahr.  Schließlich folgte noch die Panikmache, als Trump COVID-19 ein »ausländisches Virus« nannte und mit dem Finger auf Europa zeigte. Bald darauf verfiel er auf einen noch besseren Namen – »China-Virus« -, was zu einem Anstieg der Hasskriminalität gegen Amerikaner asiatischer Herkunft führte.

An jenem Abend las Trump offenbar von einem Teleprompter ab. Er klang sehr ernst. Mit anderen Worten: Dies war eine jener Gelegenheiten, bei denen er für manche Menschen präsidial war, weil er nicht völlig derangiert klang. So verteidigte der ehemalige Gouverneur von Ohio, der Republikaner John Kasich, Trump auf CNN mit den Worten, er habe »seine Sache gut gemacht« – zum Teil, weil er von einem Skript abgelesen hatte. Aber genau deshalb, weil der Präsident an jenem Abend keinen Totalaussetzer hatte, sondern nur die Fakten verschleierte und sich selbst erhöhte, wie man es von ihm gewohnt war, war das, was wir in dieser Ausnahmesituation von ihm hörten, typisch Trump …

… Dies sind die Wesensmerkmale einer autokratischen Führung. In den drei Jahren seiner Präsidentschaft, sogar noch vor der Corona-Pandemie, kam Trump auf seinem Weg zu einer autokratischen Herrschaft weiter, als es die meisten Menschen für möglich gehalten hätten. Das vorliegende Buch ist ein Buch über diesen Wandel – und über die Hoffnung, die wir dennoch haben, die Autokratie des Trumpismus zu überwinden.

Weitere Leseproben finden sich bei Amazon „Blick ins Buch“>>>

Buchempfehlung:

Die USA sind von tiefen Rissen durchzogen, von Rassismus und sozialer Ungleichheit – einem zunehmenden Auseinanderklaffen zwischen amerikanischen Idealen und einer völlig anderen Wirklichkeit. Eine sich seit vielen Jahren anbahnende krisenhafte Entwicklung wird nun verschärft durch eine Kombination aus Corona-Krise, landesweiter Empörung nach der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch weiße Polizisten und einem Präsidenten, der spaltet, nachweislich Unwahrheiten wie am Fließband verbreitet, bei jeder Gelegenheit Öl ins Feuer gießt sowie ein gestörtes Verhältnis zu demokratischen Institutionen und Medien hat.
Viele können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die älteste Demokratie der Welt vor einer einschneidenden Wende steht, vielleicht sogar vor einem Showdown zwischen Demokratie und autoritärer Versuchung mit ungewissem Ausgang. Wer hätte das vor einigen Jahren noch für möglich gehalten?

Allerdings ist das, was derzeit in den USA passiert kein Einzelfall. Europa ist keinesfalls vor rechtspopulistischen und autokratischen Bedrohungen gefeit! Manche Staaten der EU, wie Ungarn und Polen, haben bereits eine Abkehr von den Werten einer liberalen Demokratie hinter sich. Kein Frage, dass ein derartiger Prozess auch anderen europäischen Staaten droht, wenn die Zivilgesellschaft dem nicht entschieden genug die Stirn bietet.

In ihrem Buch „Autokratie überwinden“ greift die Autorin Masha Gessen auf ihre journalistischen Erfahrungen mit dem gescheiterten Übergang in die liberale Demokratie und dem „System Putin“ in Russland zurück. Durch ihren jüdischen Hintergrund, die Flucht ihrer Familie aus der ehemaligen Sowjetunion und als Transgender-Persönlichkeit ist sie in ihrer Wahrnehmung ganz besonders gegenüber Repressionen sensibilisiert. Aufgrund der Verfolgung von Homosexuellen in Russland zog sie 2013 von Moskau nach New York City um und muss nun zusehen, wie die Gespenster, vor denen sie geflohen ist, nun auch in den USA einzuziehen drohen.

Ihr Credo: Leute wie Trump können nur durch moralische Fundamentalopposition bekämpft werden. Gessen hat dabei Leute wie Václav Havel oder Andrej Sacharow im Blick, die schon in den 1970er-Jahren verstanden hätten, dass moralische Unbedingtheit und Entschlossenheit die einzigen Haltungen seien, mit der man vor der Geschichte gegenüber autokratischen Experimenten bestehen könne.

Angesichts eines Präsidenten, der die Demokratie missachtet, wichtige Posten mit inkompetenten Bewerbern besetzt, die freie Presse als Feind behandelt, sich rassistischer Netzwerke bedient, den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge ganz bewusst einebnet und immer breitere Bevölkerungsschichten ausschließt, kann ich mich Gessens moralischen Appell an Haltung, entschiedenen Protest und Gegenwehr nur anschließen.
Die Tatsache, dass die Bürgerrechtsbewegung „Black Lives Matter“ mittlerweile breite Bevölkerungsschichten und Menschen ganz unterschiedlicher ethnischer Herkunft mobilisieren konnte, ist für mich ein gutes Zeichen, und es gibt vielen Hoffnung auf einen schon längst überfälligen Neustart nach Donald Trump.

[Martin Urbanek]

————————————————-
Siehe auch den Beitrag zum Buch vom 18. Juni 2020 in der Tageszeitung „Der Standard“>>>


Masha Gessen: Surviving Autocracy (YouTube)

Masha Gessen in conversation with Andrea Bernstein (22.06.2020)

Share.

About Author

Leave A Reply

*

code