Neben uns die Sintflut: Wie wir auf Kosten anderer leben

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Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut - Wie wir auf Kosten anderer lebenAutor: Stephan Lessenich
Format: Taschenbuch
Seitenzahl: 240 Seiten
Verlag: Piper Taschenbuch
Auflage: 1 (Juli 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3492312691
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Website von Prof. Stephan Lessenich

Klappentext:

Im Grunde wissen wir es alle: Uns im Westen geht es gut, weil es den meisten Menschen anderswo schlecht geht. Doch nur zu gerne verdrängen wir unseren Anteil an dem sozialen Versagen unserer Weltordnung. Der renommierte Soziologe Stephan Lessenich bietet eine sehr konkrete und politisch brisante Analyse der Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft …

Anders, als wir noch immer glauben möchten, profitieren nicht alle irgendwie von freien Märkten. Die Wahrheit ist: Wenn einer gewinnt, verlieren andere. Und jeder von uns ist ein verantwortlicher Akteur in diesem Nullsummenspiel, dessen Verlierer jetzt an unsere Türen klopfen.

Für die Taschenbuchausgabe wurde das Buch umfassend aktualisiert und überarbeitet.

Über den Autor Stephan Lessenich:

Prof. Stephan Lessenich (Autor)Stephan Lessenich, 1965 in Stuttgart geboren, lehrt am Institut für Soziologie der LMU München und war von 2013 bis 2017 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Von ihm erschienen zahlreiche Publikationen, u. a. Die Neuerfindung des Sozialen (2008).

Lessenich studierte in den Jahren 1983 bis 1989 Politikwissenschaft, Soziologie sowie Geschichte an der Philipps-Universität Marburg. 1993 erfolgte seine Promotion an der Universität Bremen.

Er war von 1999 bis 2001 Habilitationsstipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und habilitierte sich 2002 an der Universität Göttingen für das Fach Soziologie.

Ab 2004 war er Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zum Wintersemester 2014/2015 wurde er als ordentlicher Professor an das Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen.

Seine Arbeitsgebiete sind die politische Soziologie sozialer Ungleichheit, vergleichende Makrosoziologie, Wohlfahrtsstaatsforschung, Kapitalismustheorie und Alterssoziologie.

Lessenich ist geschieden und Vater eines Sohnes. Mitte 2017 war er an der Gründung der Partei „Mut“ beteiligt und wurde einer ihrer Gründungsvorsitzenden.

Leseprobe aus „Neben uns die Sintflut“:

KAPITEL 1
NEBEN UNS DIE SINTFLUT

»Die internationale Arbeitsteilung besteht darin, dass einige Länder sich im Gewinnen und andere im Verlieren spezialisieren.«
Eduardo Galeano, Die offenen Adern Lateinamerikas (1973)

CHRONIK EINES ANGEKÜNDIGTEN UNGLÜCKS ODER RIO DOLCE IST ÜBERALL

 Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut - Wie wir auf Kosten anderer leben (Rio Dolce)Mariana, am 5. November 2015: In der Bergbaustadt im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais brechen die Dämme zweier Rückhaltebecken, in denen die Abwasser einer Eisenerzmine gesammelt wurden. 60 Millionen Kubikmeter schwermetallhaltigen Schlamms – dem Inhalt von 25000 olympischen Schwimmbecken entsprechend – ergießen sich über die Anrainergemeinde Bento Rodrigues und in den Flusslauf des Rio Doce. Laut dem Betreiber der Mine, Samarco Mineração S.A., durch ein leichtes Erdbeben freigesetzt, begräbt der aus den Becken flutende Klärschlamm umliegende Bergdörfer und einen Teil ihrer Bewohner unter sich. Den ehedem »Süßen Fluss« lässt er auf drei Vierteln seines 853 Kilometer langen Laufs zu einem giftigen Strom aus Rückständen von Eisen, Blei, Quecksilber, Zink, Arsen und Nickel werden, rund 250000 Menschen sind damit jäh von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten. Nach vierzehn Tagen erreicht die rote Flut die Atlantikküste und ergießt sich, ein verwüstetes Ökosystem hinter sich lassend, ins Meer. Wenige Wochen später spricht die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff auf der Pariser Klimakonferenz von der schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte ihres Landes.

So beeindruckend die Bilder von verschlammten Landschaften und verendeten Tieren, vom toten Fluss und seiner sich dreckig rot färbenden Mündung sind, so bedrückend ist der Fall Rio Doce doch gerade nicht in seiner Einzigartigkeit, sondern in seiner perversen Normalität. Denn Rio Doce ist überall. In seinen Ursachen wie in seiner Bearbeitung, in der Absehbarkeit des »Unglücks« wie auch der Reaktionen darauf steht dieser Fall stellvertretend für die herrschenden globalen Verhältnisse. Er steht sinnbildlich nicht nur für eine ökonomisch-ökologische Weltordnung, in der die Chancen und Risiken gesellschaftlicher »Entwicklung« systematisch ungleich verteilt sind. Er verweist zudem in geradezu idealtypischer Weise auf das lokal-, regional- und weltpolitische business as usual im Umgang mit den Kosten des industriell-kapitalistischen Gesellschaftsmodells.

Was am Rio Doce passiert ist, war eine ganz normale Katastrophe – und eine mit Ansage. Eine Katastrophe, wie sie sich so oder so ähnlich seit vielen Jahren immer wieder abspielt, in Brasilien und anderswo in den rohstoffreichen Ländern dieser Welt. Als ökonomische Strategie in der globalen Arbeitsteilung setzen diese Länder notgedrungen auf die Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen – und sie tun dies auf intensive, im Zweifel rücksichtslose Weise. Wobei dieses »sie tun es« sofort qualifiziert gehört, denn nicht selten wird das – je nach Weltmarktpreisen – mehr oder weniger lukrative Geschäft an transnationale Konzerne vergeben.

Brasilien ist mit fast 400 Millionen geförderten Tonnen (2011) der weltweit drittgrößte Eisenerzproduzent nach China und Australien. Die zunächst staatliche, 1997 privatisierte Vale S.A., ehemals Companhia Vale do Rio Doce, ist neben den britisch-australischen Konzernen Rio Tinto Group und BHP Billiton eines der drei größten Bergbauunternehmen der Welt und mit einem Marktanteil von 35 Prozent der weltgrößte Eisenerzexporteur. Gemeinsam mit BHP Billiton ist Vale über die Tochterfirma Samarco Eigentümerin der Mine in Mariana. Der bei den Dammbrüchen abgegangene Schlamm sei nicht giftig und bestehe hauptsächlich aus Wasser und Kieselerde, hatte Samarco zunächst mitgeteilt. Diese Aussage erwies sich bald als ebenso falsch wie der Verweis auf Erdstöße als Unglücksursache.

Es liegt nahe, diese vielmehr in den typischen Attributen des Verwaltungshandelns in sogenannten »Drittweltstaaten« zu suchen, also in Korruption, Klientelismus und mangelnden Kontrollen. An der Oberfläche des Geschehens lässt sich denn auch genau dies finden: Die geborstenen Klärschlammbecken wiesen schon seit Längerem bekannte Sicherheitsmängel auf, die von der zuständigen Staatsanwaltschaft bereits im Jahr 2013 gerügt worden waren. Die Behörde wies dabei auch auf die akute Gefährdung des Dorfes Bento Rodrigues hin sowie darauf, dass für dessen Bewohner keinerlei Sicherheitsvorkehrungen bestünden. Die vom Bundesstaat Minas Gerais, dem größten Erzabbaugebiet Brasiliens, geforderten Sicherheitsprüfberichte seien, so heißt es, im Fall Samarco nicht von unabhängigen Expertinnen, sondern von Mitarbeitern des Unternehmens selbst erstellt worden. Fast zeitgleich mit dem Dammbruch votierte eine Kommission des Senats, der höheren Kammer im brasilianischen Nationalkongress, in dem sich die Bergbaulobby stets auf politische Unterstützung verlassen kann, für »mehr Flexibilität« bei den behördlichen Überprüfungen der Minenbetreiber.

Alles also eine Frage unterentwickelter Staatlichkeit, versagender Institutionen, einer »nicht westlichen« politischen Kultur? Nun ja. Die andere Seite der Chronik eines angekündigten »Unglücks« ist, dass die Belastung der nunmehr geborstenen Talsperren erst kürzlich massiv erhöht worden war. Trotz (oder wegen) des zuletzt eingetretenen Verfalls der Weltmarktpreise hatten die beiden Großkonzerne die Fördermenge der Samarco-Mine gegenüber dem Vorjahr um fast 40 Prozent auf 30,5 Millionen Tonnen gesteigert – eine Marktflutungsstrategie, die in Mariana zu einer starken Zunahme des Minenabraums führte und im Effekt zu einer Überflutung des Umlands …

 Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut - Wie wir auf Kosten anderer leben (Rio Dolce)

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Ebendiese Doppelgeschichte soll hier in den Blick genommen werden. Es geht um den Einblick in Zusammenhänge, die Einsicht in Abhängigkeiten, in globale Beziehungsstrukturen und Wechselwirkungen – in die Relationalität des Weltgeschehens. Es geht um die andere Seite der westlichen Moderne, um ihr »dunkles Gesicht«, um ihre Verankerung in den Strukturen und Mechanismen kolonialer Herrschaft über den Rest der Welt. Es geht um Reichtumsproduktion auf Kosten und um Wohlstandsgenuss zulasten anderer, um die Auslagerung der Kosten und Lasten des »Fortschritts«. Und es geht noch um eine weitere, dritte Geschichte: um die Abwehr des Wissens um ebendiese Doppelgeschichte, um deren Verdrängung aus unserem Bewusstsein, um ihre Tilgung aus den gesellschaftlichen Erzählungen individuellen und kollektiven »Erfolgs«.

Wer von unserem Wohlstand hierzulande redet, dürfte von den damit verbundenen, verwobenen, ja ursächlich zusammenhängenden Nöten anderer Menschen andernorts nicht schweigen. Genau das aber ist es, was ununterbrochen geschieht …

Neben uns die Sintflut“ – Buchempfehlung:

In seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ vermittelt der Sozialwissenschaftler Stephan Lessenich ein ungeschminktes Bild einer ungleichen Weltordnung am Grunde des Abgrunds, die von der Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen sowie dem Streben nach Konsum und kurzfristiger Profitmaximierung geprägt ist.Der Autor beschreibt sehr anschaulich, wie soziale Spannungen und Umweltprobleme nach neokolonialistischer Manier in ärmere, abhängige Regionen der Erde ausgelagert werden.

Bei der Lektüre wird klar, dass Maßnahmen, wie Spenden oder das Kaufen von Fair-Trade-Ware zwar das Gewissen des Einzelnen beruhigen, aber nicht ausreichen, das eigentliche, systemimmanente Übel an seinen Wurzeln zu beheben. Obwohl die Chancen dafür schlecht stehen, wird man sich einer Lösung des Problems nur über transnationale Allianzen für faire und gleichberechtigte Lebensbedingung nähern können.

Hier zeigt sich allerdings wieder einmal das Dilemma, dass eine grundlegende Kursänderung durch nationale und internationale politische Institutionen aufgrund von unterschiedlichen Interessenslagen und ihrer Verstrickung mit Konzerninteressen wohl kaum zu erwarten ist. Hinzu kommen Verdrängung und Wegschauen, vor allem bei den Profiteuren der bestehenden Weltwirtschaftsordnung in westlich geprägten Konsumgesellschaften. Ursachen und Ausmaße der wohl größten globalen Krise der Menschheit treten meist erst dann ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit, wenn Flüchtende an unsere Türen klopfen oder wir von den Folgen des globalen Klimawandels eingeholt werden.

Wenn es zumindest gelingt, bei den Leser*innen Problembewusstsein oder Gefühle von Scham, Mitschuld und Betroffenheit auszulösen, dann hat das Buch bereits einen Teilerfolg erreicht. Bleibt zu befürchten, dass solche Werke nur von jenen gelesen werden, die grundsätzlich bereit sind, gegen die herrschenden Missstände aufzubegehren und ihr eigenes Verhalten zu ändern. Für sie bietet das Buch höchst wertvolle Informationen und deckt anhand von konkreten Beispielen komplexe Zusammenhänge auf.

[Martin Urbanek]


Vortrag von Prof. Dr. Stephan Lessenich „Neben uns die Sintflut“

Veröffentlicht am 27.04.2017; Dauer: 01:01:40

Die Veranstaltung zum Thema „Neben uns die Sintflut – Wie und warum wir über die Verhältnisse anderer leben“ fand am 25.04.2017 in der Evangelischen Stadtakademie München im Rahmen des Münchner Forum Nachhaltigkeit statt. Veranstalter waren das MFN, die Ev. Stadtakademie München sowie die Petra-Kelly-Stiftung.

Alles zu haben und noch mehr zu wollen, den eigenen Wohlstand zu wahren, indemman ihn anderen vorenthält – das ist das heimliche Lebensmotto der entwickelten Gesellschaften. Den Menschen im globalen Norden geht es gut, weil es den Menschen inanderen Weltregionen schlecht geht, so lautet die These von Stephan Lessenich. Systematisch werden soziale Kosten und ökologische Lasten unserer Lebensweise ausgelagert, im kleinen wie im großen Maßstab. Wir leben daher nichtüber unsere Verhältnisse; wir leben über die Verhältnisse anderer. Und wir alle verdrängen unseren Anteil an dieser Praxis.

Der renommierte Soziologe Stephan Lessenich analysiert in seinem Vortrag die Abhängigkeits-und Ausbeutungsverhältnisse der globalisierten Wirtschaft, deren Verlierer jetzt an unsere Türen klopfen. Deshalb, so Lessenich, wird sich unser Leben ändern, ob wir wollen oder nicht.

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