Reformpädagogin statt Nazi-Dichterin! Die Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse in Krems an der Donau

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Alte Straßenschilder

Alte Straßenschilder

Immer noch finden wir Straßenschilder mit den Namen von Literaten, die zutiefst von nationalsozialistischem Gedankengut durchdrungen waren. Die Stadt Krems an der Donau hat nun die Initiative ergriffen. Auf Empfehlung eines Historikerbeirates wurde am 27. April 2021 eine Gasse, die den Namen der Heimatdichterin und Hitler-Verehrerin Maria Grengg trug, umbenannt. Die neue Namensgeberin ist die Reformpädagogin Margarete Schörl, die ihren Lebensmittelpunkt in Krems hatte. Unter dem neuen Straßenschild „Margarete-Schörl-Gasse“ wurde außerdem eine Zusatztafel montiert…

Die Heimatdichterin, Kinderbuchautorin und Malerin Maria Grengg (1888-1963) hatte zur Zeit des NS-Regimes ganz offen ihre Verbundenheit mit dem rassistischen und antisemitischen Gedankengut der Nationalsozialisten und ihre Verehrung für Adolf Hitler bekundet. Trotzdem wurde die Gasse 1990 nach ihr benannt!
Unter dem neuen Straßenschild wurde eine Zusatztafel montiert, die auf diese völlig unverständliche Namensgebung durch die Stadt Krems hinweist.

Der Beschluss zur Umbenennung erfolgte im Gemeinderat mit den Stimmen von SPÖ, KLS und Pro Krems. Die rechtspopulistische FPÖ und die bürgerlich-konservative ÖVP waren im Gemeinderat gegen die Umbenennung der Gasse.

Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse in Krems an der Donau in Anwesenheit des Bürgermeisters Dr. Reinhard Resch und des Historikers Dr. Robert Streibel

Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse in Krems an der Donau in Anwesenheit des Bürgermeisters Dr. Reinhard Resch (rechts) und des Historikers Dr. Robert Streibel (links)

Für Bürgermeister Dr. Reinhard Resch war die Umbenennung dringend erforderlich, da sich in dieser Gasse nur Bildungseinrichtungen wie Kindergarten, Volksschule und Hort befinden. Vor allem die Leiterin der Volksschule hatte seit schon seit Langem eine Umbenennung gefordert.

Der Historiker Dr. Robert Streibel

Der Historiker Dr. Robert Streibel

Der Historiker Dr. Robert Streibel war Mitglied des Historikerbeirates. Er hat in Maria Grenggs Werken gelesen. „… Und dabei bin ich fast vom Sessel gefallen“, schildert Streibel. Das erste Buch des 1944 veröffentlichten Werkes „Lebensbaum“ sei dem NS-Kriegsverbrecher auf dem Balkan, Generaloberst Alexander Löhr gewidmet.

Dass Grengg von der NS-Ideologie durchdrungen war, beweisen laut Streibel auch rassistische und antisemitische Darstellungen in ihren Werken. So sei in „Die Kindlmutter“ (1938) über eine Roma-Anführerin der ungeheuerliche Satz zu lesen: „Jetzt ist sie Ahnfrau von weit über 100 Stück dunkler Ratten.“ Ein Vergleich von Menschen mit Schädlingen findet sich auch in dem in Stein spielenden Roman „Peterl“ (1932), in dem einem jüdischen Händler das „Aussehen eines stumpfäugigen Engerlings“ bescheinigt werde. Nach 1945 seien manche Stellen auf Initiative der Verleger getilgt worden – so wurden die „Ratten“ in der Donauland-Ausgabe von 1950 zu „Nachkommen“.
(vgl. NÖN, 22.02.2021).

Wer war Maria Grengg?

Maria GrenggMaria Grengg wurde am 26. Februar 1888 in Stein an der Donau (Niederösterreich) geboren. Als Autorin von Heimatromanen, Malerin und Illustratorin von Kinderbüchern erlangte sie seit der Zeit des Nationalsozialismus einen hohen Bekanntheitsgrad.

Mit 17 Jahren besuchte sie die Kunstgewerbeschule Wien. Während dieser Zeit begann sie auch zu schreiben. Von 1915 an lebte sie in Perchtoldsdorf bei Wien. Der literarische Durchbruch gelang ihr im Jahre 1930 mit dem Roman „Die Flucht zum grünen Herrgott“.

Zu Beginn der 1940er-Jahre bezog sie das Hofmannsthal-Schlössl in Rodaun bei Wien, wo sie bis zu ihrem Tode lebte. Das Schloss bezog sie, nachdem die Vorbesitzerin, die Witwe des berühmten Wiener Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal vor den Nationalsozialisten nach England fliehen musste.

Maria Grengg war nicht nur überzeugte Nationalsozialistin. Eigenen Angaben zufolge war sie schon 1936 bis 1938 – also vor dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland – Mitglied der klerikalfaschistischen und antidemokratischen „Vaterländischen Front“.

Grenggs Heimatromane fanden große Zustimmung bei den Nationalsozialisten. 1935 schrieb sie sogar eine Hymne auf Adolf Hitler. 1940 trat sie der NSDAP bei. Zu Ehren Hitlers, der 1889 geboren wurde, gab sie im Einvernehmen mit ihrem Verlag das Jahr 1889 als ihr offizielles Geburtsjahr an.

In ihrem Aufnahmeantrag für die Reichsschrifttumskammer der NSDAP im April 1938 gab sie an: „In meinen Büchern geht es mir darum, die Ideen des Nationalsozialismus in künstlerische Form zu kleiden und sie so dem Volke in leicht fasslicher Art zu vermitteln.“

Die Reichsschrifttumskammer stellte 1939 Grenggs Engagement im Sinne des Nationalsozialismus fest. In der Folge wurde sie als „unentbehrlich“ eingestuft und damit vom Arbeitseinsatz befreit.

Nach dem Ende der NS-Diktaur beschränkte Maria Grengg sich auf die Malerei und auf das Schreiben selbst illustrierter Jugendbücher.

Grengg verstarb am 8. Oktober 1963 und wurde trotz ihrer NS-Verganhenheit in einem Ehrengrab auf dem Perchtoldsdorfer Friedhof bestattet.

Zu Grenggs Werken gehörten vor allem volkstümliche Romane und Novellen.

"Die Kindlmutter" von Maria Grengg

„Die Kindlmutter“ von Maria Grengg

Protagonistin ihres zutiefst rassistischen und frauenfeindlichen Romans „Die Kindlmutter“ ist eine Mutter dreier Kinder, deren Mann von „Zigeunern“ ermordet wird. Nur in der Kindererziehung findet sie Sie ihr Lebensglück. Ein alter Mann spricht der Frau für ihre Wiederverheiratung mit folgenden Worten Mut zu:
„Soll wirklich nur das Gesindel seine Brut vermehren? Sind wirklich nur mehr die Zigeunerweiber stolz auf ihre vielen Kinder? (…) Wir brauchen nach diesem Krieg, der das Mindere und Fremdrassige gehütet hat im Hinterland und das Beste hat ausgelesen zum Sterben und Verderben, wieder Edelmenschen! (…) Solche Frauen wie Sie, Christiane, die müssen der entseelten Welt wieder die künftigen Edlen und Großen und Helden und die schönen herzstarken Mädchen schenken! Solche Frauen müssen die wertigen, die wirklich neuzeitigen Menschen aufziehen! (…) Eine solche Frau gehört uns Deutschen allen.“

Weitere Romane und Novellen von Maria Grengg:

  • Die Flucht zum grünen Herrgott, Roman, 1930
  • Peterl. Roman aus dem schönen österreichischen Donauland, 1932
  • Die Liebesinsel, Roman, 1934
  • Das Feuermandl, Roman, 1935
  • Edith ganz im Grünen. Roman für die Jugend, 1934
  • Der murrende Berg, Erzählung, 1936
  • Der Nußkern, Erzählung, 1937
  • Die Kindlmutter, Roman, 1938
  • Die Tulipan, Novelle, 1938
  • Zeit der Besinnung. Ein deutsches Andachtsbuch, 1939
  • Lebensbaum, Roman, 1944
  • Schmerzensmutter, Novelle, 1948
  • Das Hanswurstenhaus, Roman, 1951
  • Ein Herz brennt in der Dunkelheit, 1955
  • Der Wunschgarten, 1962

Auch NACH 1945, also in der Republik Österreich (!), wurde die Nazi-Dichterin Maria-Grengg mit Auszeichnungen und Ehrungen geradezu überhäuft:

  • 1956 Martin-Johann-Schmidt-Preis der Stadt Krems an der Donau.
  • 1958 Ehrenplakette des Landes Niederösterreich.
  • 1960 Preis der niederösterreichischen Landesregierung für das Freilichtspiel Die Hochzeit im Görthof.
  • 1962 Anbringung einer Gedenktafel an Grenggs Geburtshaus, dem Schiffmeisterhaus in Stein durch die Stadtgemeinde Krems.
  • 1963 Kulturpreis des Landes NÖ 1963 aus den Händen von Landeshauptmann Ing. Leopold Figl.
  • 1963 Ehrengrab von Maria Grengg am Perchtoldsdorfer Friedhof.
  • 1966 wurde am 8. Oktober anlässlich des dritten Jahrestags ihres Todes die „Maria Grengg-Gesellschaft“ in Krems an der Donau gegründet.
  • 1967 wurde die Meierhofgasse in Wien-Liesing in Maria-Grengg-Gasse umbenannt.
  • 1990 wurde in Krems-Stein eine Maria Grengg-Gasse benannt.
  • Ehrengrab von Maria Grengg am Perchtoldsdorfer Friedhof.

Die Ehrerbietungen für Maria Grengg nach 1945 zeigen, dass eine herabwürdigende NS-Ideologie bis hin zu Vergleichen von Menschen mit Ungeziefer  in Österreich noch lange nach Zweiten Weltkrieg in weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert wurde. Höchste Zeit, gerade jetzt, da rechtsextremes Gedankengut eine Renaissance erlebt, starke Signale zu setzen! Die Straßenumbenennung in Krems sollte dafür ein Beispiel sein!

Wer war Margarete Schörl?

Margarete SchörlMargarete Schörl (geboren 1912 in Wien, gestorben am 4. Dezember 1991 in St. Pölten) beeinflusste die deutschsprachige Kindergartenpädagogik und Vorschulerziehung nach 1945. Sie gilt als Pionierin der offenen Kindergartenpädagogik. Vor allem christlich gebundene Kindertagesstätten orientieren sich der nach ihr benannten „Schörlpädagogik“.

Nach Grundschule und Ausbildung an der Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe trat Margarete Schörl 1933 in den Orden der „Englischen Fräulein“ in Krems an der Donau ein.
1937 absolvierte sie das Kindergärtnerinnenexamen an der „Kongregation der Armen Schulsschwestern vom 3. Orden“ in Amstetten. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland mussten die „Englischen Fräulein“ ihr Institut schließen.

Sie lernte Maria Montessori persönlich kennen und nahm an ihren Ausbildungen teil.

Nach 1945 kehrte sie wieder zu ihrem Orden nach Krems zurück und errichtete einen Kindergarten. Dort entwickelte sie ihre „sozialpädagogische Methode der Spielführung“. Die frühkindliche Glaubenserziehung hatte für Schörl einen hohen Stellenwert.

Neben vielen Orten in Österreich führte sie ihre Vortragstätigkeit zur Kindergartenpädagogik auch nach Deutschland.

Das Problem wurde in Wien anders gelöst

Eine Maria-Grengg-Gasse gibt es auch in Wien im 23. Gemeindebezirk Liesing. Dort entschied man sich aber gegen eine Umbenennung der Gasse. Stattdessen wird die Vergangenheit der Literatin auf einer Zusatztafel erklärt.

Pressestimmen zur Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse:


Reformpädagogik statt Nationalsozialismus (Video von der Umbenennung)


Weitere Fotos von der Veranstaltung:

Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse in Krems

Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse in Krems

Umbenennung der Maria-Grengg-Gasse in Krems

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