Hilde Möller: … den Himmel mit Händen fassen

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Auf ihrer Reise nach Israel begegnet die sechzigjährige Fotografin Sophie Wenger dem jüdischen Schriftsteller Jonas Ben-Yadin. An seiner Seite erschließt sich ihr das Land, nach dem sie sich seit ihrer Kindheit nicht nur gesehnt, sondern von dem sie sich auch erhofft hat, etwas zu verstehen, was sich jedem Verständnis entzieht den Hass des Vaters auf alles Jüdische…

Hilde Möller: ... den Himmel mit Händen fassenAutorin: Hilde Möller
Format: Taschenbuch
Seitenzahl: 252 Seiten
Verlag: Books on Demand
Auflage: 1 (April 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN: 978-3752834222

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Klappentext:

Auf ihrer Reise nach Israel begegnet die sechzigjährige Fotografin Sophie Wenger dem jüdischen Schriftsteller Jonas Ben-Yadin. An seiner Seite erschließt sich ihr das Land, nach dem sie sich seit ihrer Kindheit nicht nur gesehnt, sondern von dem sie sich auch erhofft hat, etwas zu verstehen, was sich jedem Verständnis entzieht den Hass des Vaters auf alles Jüdische.
Ein Bündel ungeöffneter Briefe aus dem Nachlass ihrer Mutter adressiert an Sophie hat sie mitgenommen. Aufzeichnungen, die sie noch nicht zu lesen gewagt hat.
Auf der langen Fahrt in die Vergangenheit und Gegenwart Jerusalems beginnt zwischen Jonas und Sophie eine Liebesgeschichte, die ihr endlich die Kraft gibt, sich dem Geheimnis ihrer Existenz zu stellen.

Über die Autorin Hilde Möller:

Hilde Möller (Autorin)Hilde Möller, geboren in den Wirren des dritten Reiches, lebte ab ihrem 21. Lebensjahr im Ausland erst in Belgien, dann in Persien, der Türkei und 28 Jahre mit ihren sieben Kindern in Spanien. 1992 kehrte sie nach Deutschland zurück und hatte endlich Zeit, ihrer Liebe zum Schreiben und Fotografieren nachzugehen. Bisher sind fünf Bücher von ihr erschienen. Heute lebt Hilde Möller in Mainz.

Leseproben:

Aszug aus dem ersten Kapitel:

Leise drang die Melodie der Kedusha in meinen Traum. Wie immer tauchte ich rasch und unmittelbar aus tiefem Schlaf auf. Auch heute oder vielleicht… gerade heute, obgleich der Wecker sehr zeitig geläutet hat. 4 Uhr, Freitag, der 24. Februar.

In zwei Monaten werde ich 60, schoss es mir durch den Kopf, als ich wie jeden Morgen noch vor dem Duschen und Anziehen barfuß in die Küche lief, um die Kaffeemaschine anzustellen. Im Flur standen Koffer und Reisetasche. Ich musste mich beeilen, für den Flug nach Israel sollte ich drei Stunden vor Abflug der Maschine am Flughafen sein.

Als ich den Wagen aus der Garage lenkte und durch die einsam dunklen Straßen des kleinen Dorfes fuhr, fing ich an zu singen, ich spürte nicht die Kälte des Wintermorgens, nur dieses beschwingte Gefühl der Vorfreude auf meine Reise, das mir fast den Atem benahm.

Ich dachte daran, wie es früher gewesen war. Nie gab es eigene Reisen. Ich begleitete höchstens Ulrich bei einer seiner Geschäftsfahrten. Und dann noch die Urlaube mit unseren beiden Kindern Rebecca und David. Heute lebte Rebecca in Madrid als Lehrerin an der deutschen Schule, David war Entwicklungshelfer auf den Philippinen.

Und Ulrich? Vor acht Jahren die Scheidung.

Nach der Scheidung war ich in meinen Beruf als Fotografin zurückgekehrt. Ich stürzte mich damals voller Begeisterung in die Erfahrung dieses neuen Lebens und… dachte voll Trauer an die verlorenen Träume meiner Vergangenheit.

Kurz nach Weihnachten war Mutter gestorben. Seltsam war der Brief von Kristina, den ich Wochen danach erhielt. Sie lebte die letzten Jahre mit Mutter zusammen. Im Nachlass hatte sie einen dicken, fest verschlossenen Umschlag gefunden. Er war… an mich adressiert. Im Umschlag fand ich ein Schulheft, mehrfach mit einem Band umwickelt. Immer wieder hatte ich dieses Päckchen in die Hand genommen. Hatte es hin und her gedreht. Weggelegt und wieder hervorgeholt. Und… mich doch nicht getraut, das Band zu lösen. Wovor hatte ich Angst? Was wollte Mutter von mir? Drängende Fragen und dennoch öffnete ich das Heft nicht. Vielleicht wollte ich mich im Augenblick nicht mit anderen Erfahrungen und Erinnerungen belasten.

Dann hatte ich das dünne Buch doch ganz unten in den Koffer gelegt…

Nichts hielt mich hier. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich ungebunden. Ich habe Zeit, und ich habe einen Traum. Ich will Israel kennen lernen.

Als ich durch die kalte Februarnacht zum Flughafen fuhr, fragte ich mich wieder einmal, wie schon so oft zuvor, woher dieses fast unverständliche Gefühl einer Bindung an Judentum und Israel kam. War es der dumpfe Hass des Vaters auf alles Jüdische, gegen den sich schon das Kind auflehnte? Oder… war es die Mauer des Schweigens, an der alle Fragen abprallten, die ich erst Jahre nach dem Krieg stellte? Fragen nach Judenverfolgung, Konzentrationslagern und der Verantwortung dafür?

Und doch war es gerade dieses Schweigen der Eltern, das mein Interesse wach hielt.

Hilde Möller: "... den Himmel mit Händen fassen" (Israel, Masada)

Masada (Israel)

Erst las ich die Geschichten aus dem Alten Testament, das Schicksal Abrahams, der seinen Sohn Isaac opfern sollte. Moses einsam auf dem Berg Nebo, von dem aus er das Gelobte Land sehen konnte, ohne es betreten zu dürfen. Oder die Geschichten über die Arche Noah. Alles viel spannender für meine Kinderphantasie, als die Gleichnisse und Bibeltexte unseres Religionsunterrichts.

Als ich älter wurde, folgten die Dichter und Schriftsteller, deren Bücher auf großen Scheiterhaufen 1933 vom Pöbel verbrannt worden waren. Hatte Franz Werfel schon Jahre zuvor mit seiner Novelle die wirren Entschuldigungen und Ausflüchte der Nachkriegszeit vorweggenommen, als er ihr den Titel gab. „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig?“

Bis ich wieder zum Alten Testament zurückkehrte, zum Buch Hiob: „Zum Trauergesang wurde mein Harfenspiel, mein Flötenspiel zum Klagelied und mein Singen zum Weinen.“

Diesem Weinen auf die Spur kommen, um endlich nicht mehr nach verschwiegener Schuld fragen zu müssen?

Auszüge aus einer Lesung von Hilde Möller>>>

Hilde Möller: "... den Himmel mit Händen fassen" (Auszug aus einer Lesung)

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Buchempfehlung:

Sophie, eine vielgereiste ältere Dame wird immer wieder von der Erinnerung an einschneidenden Erlebnisse aus ihrer frühen Kindheit während und unmittelbar nach der NS-Diktatur geplagt. Was sie nicht bewältigen kann, ist der Hass ihres Vaters gegen jüdische Mitbürger*innen und das Schweigen der Eltern über die finstere Zeit unter dem Terror der Nationalsozialisten.
Nach vielen bewegten Lebensabschnitten und ihrer Scheidung beschließt sie deshalb, nach Israel zu reisen, um dort Antworten auf all diese quälenden Fragen zu erhalten. Auf der Reise öffnet sie Briefe ihrer jüngst verstorbenen Mutter und wird in ein Drama ihrer Eltern hineingezogen, in dem ein Jude, der Geliebte ihrer Mutter, die Hauptrolle spielt.

In dem Roman ist die Vergangenheit ihrer Eltern in eine Liebesgeschichte zwischen Sophie und einem Mann aus Israel eingebettet. Tiefe Gefühle, Zweifel, Albträume und das Begreifen von Land, Menschen und Geschichte Israels begleiten den Leser durch eine vielschichtige und lebendig geschriebene Erzählung. Immer wieder wird Sophie auf ihrer Reise mit dem tief sitzenden, kollektiven Trauma des Holocaust konfrontiert, in Gesprächen und an Gedenkstätten. Sie stellt sich der Schuldfrage, besonders aus der Sicht einer in Deutschland Geborenen mit Kindheitserinnerungen an den düstersten Abschnitt europäischer Zeitgeschichte. Die politischen Krisen und Ängste der Menschen im modernen Israel haben in dem Roman auch ihren Platz, die Stimmung im Land ist für die Leser*innen gut nachvollziehbar.

Der spannend geschriebene Roman beleuchtet länderübergreifend viele Facetten der jüngeren Geschichte, der damit verbundenen menschlichen Dramen und individuellen Schicksale – und das auf eine differenzierte und einfühlsame Weise. Ich würde mir mehr literarische Auseinandersetzungen dieser Art zu historischen und emotional geladenen politischen Themen wünschen. Hilde Möllers Botschaft ist einerseits ein kompromissloser Appell wider das Vergessen bzw. Verdrängen – das ist Gift für die Seele! – und gleichzeitig ein Aufruf zum miteinander Reden, zum Sammeln neuer Eindrücke und zur Erarbeitung eigenständiger Perspektiven.

[Martin Urbanek]


Weitere Bücher von Hilde Möller:

Hilde Möller: Leben   

  

Hilde Möller: Schatten umarmen

 

 

 

 

 

 

 


 

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