Ein Nachruf auf Waltraud Seidel

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Wir können es noch nicht begreifen: Unsere liebe Freundin, die Buchautorin und Literaturwissenschaftlerin Waltraud Seidel, ist am Samstag im thüringischen Altenburg nach wochenlanger Krankheit verstorben. In Wehmut erinnern wir uns an die Zeiten, die wir noch im vergangenen Jahr gemeinsam in Thüringen und Wien verbringen durften, an die vielen Gespräche, die Ausflüge, den unvergesslichen Konzertabend im Leipziger „Gewandhaus“ u. v. a. m. Weitere Treffen und eine geplante Lesung in Wien kamen in diesem traurigen Corona-Jahr nicht mehr zustande.

Das Foto auf dem Stephansturm habe ich im Dezember 2019 bei ihrem letzten Wien-Aufenthalt aufgenommen. Genau an dieser Stelle, auf diesem Turm, standen Waltraud und ihr Ehemann im Jahr 1990 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Sie waren das erste Mal im „Westen“. Ein Traum war in Erfüllung gegangen. An diesen Augenblick erinnert ein Foto im Abschlusskapitel ihres letzten Buches „EINGESPERRT?!“, in dem die weltoffene und reisefreudige Waltraud über die eingeschränkten Reisemöglichkeiten zu DDR-Zeiten erzählt.
„Wien wird Wirklichkeit. Steffel, wir kommen…“, so lautet die Überschrift.

Nachruf auf Waltraud Seidel

Waltrauds bewegtes Leben war von den wechselhaften Verhältnissen im Osten Deutschlands bzw. in der DDR geprägt. 1942 in Breslau geboren, musste sie als Kind infolge des Krieges aus der schlesischen Heimat flüchten. Im ostthüringischen Altenburg fand die Familie nach monatelangem Umherirren eine zweite Heimat. Hier verlebte sie Kindheit und Schulzeit, die 1960 mit dem Abitur abschloss. Es folgten ein Studium der Germanistik und Slawistik, eine Lehrtätigkeit an der Leipziger Universität, am Institut für Lehrerbildung in Altenburg sowie an der dortigen Fachschule für Sozialpädagogik.

Als Buchautorin verfasste sie zunächst eine Vielzahl an Schulbüchern für den Verlag Volk und Wissen/Cornelsen.
Der einzigartige und wunderschön gestaltetet Band „Geschichtenerzähler von A bis Z: Ein kleines Lexikon der Kinderbuchautoren“ mit Illustrationen des renommierten Künstlers Marian Kretschmer erschien im Jahr 2015.
In ihrem ersten autobiografischen Werk „Zwischen Breslau und Wroclaw Ein Flüchtlingskind erinnert sich“ erzählt Waltraud in Episoden über Erinnerungen an Breslau (heute Wroclaw in Polen), die Stadt ihrer frühen Kindheit, vom schweren Überleben auf der Flucht und wie Thüringen ihre neue Heimat wurde.

Waltrauds letztes Buchprojekt „EINGESPERRT!? Reiselust und Reisefrust in der DDR“ wurde im vergangenen Jahr bei Karina Verlag veröffentlicht – und es liest sich wie ein Vermächtnis. Da kommt das Fernweh zum Ausdruck, die Neugier auf die weite Welt, die zu bereisen den Menschen in der DDR in weiten Teilen verschlossen war. Und trotzdem gab es auch viele schöne Momente, man konnte trotz allem viele Länder besuchen, es gab auch Positives, das Leben in der DDR und in den Staaten des Ostens hatte viele Facetten. Für alle Generationen, die die Jahre vor dem Fall der Mauer nicht aus eigener Anschauung kennen, hat Waltraud mit diesem Buch als Zeitzeugin ein differenziertes und aufschlussreiches Dokument hinterlassen.

Waltraud Seidels zutiefst pazifistisches Denken und Handeln war stets von Toleranz und einer Ablehnung jeder Form von Totalitarismus geprägt. In ihrer Kritik setzte sie sich rückblickend sowohl mit den Missständen in der DDR als auch mit den negativen Auswüchsen der „Wende“ und der Zeit danach auseinander. So manche Entwicklungen der letzten Jahre, speziell in den östlichen Bundesländern, bereiteten ihr große Sorge. Als vielseitig interessierte Dame stand sie in regem Gedankenaustausch mit namhaften Autor*innen, Denkern und Politiker*innen. Ich verdanke ihr viele Anregungen und Erkenntnisse. Und es ist mir ganz wichtig zu erwähnen, dass sie die Arbeit ihrer Autorenkolleg*innen, ihrer Verlegerin und auch meine Arbeit immer tatkräftig und uneigennützig unterstützt hat.

Liebe Wally, ruhe sanft in Frieden, Sebstbestimmtheit und Freiheit! All das war dir immer ein wichtiges Anliegen für dich selbst und für deine Mitmenschen, für die du so viel getan hast!

[Martin Urbanek]

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